Dr. Annika Schoemann

  "desperately sought!" 

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Dr. Mathias ListlSchoemann

  "An Attempt at an Approach in Five Steps" 

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Andreas Baur

  "Caught in rooms for interpretation" 

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Sven Beckstette

  "JAK of all trades—on the relationship of screenplay, props, and setting in the film Soul Blindness by atelierJAK" 

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Dr. Ulrike Pompe-Alama

  "Soul Blindness—perception stripped off its meaning" 

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Nils Büttner

  "active competition, or: simply JAK"

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Dr. med. Julia Ehmer

  "psychiatric report about JAK"

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JAK – VERZWEIFELT GESUCHT!

 

Dr. Annika Schoemann

Film- und Kunstwissenschaftlerin, freie Kuratorin für interdisziplinäre Kulturprojekte. Mitbegründerin der www.wunderkammaa.com, Vorstandsmitglied PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne.

Es ist Nacht und ich laufe einfach los. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos blenden mich. Dadadaaddaaa – bängbängbäng – lalalalala - jedes Auto hinterlässt einen eigenen Klangteppich und die Musikfetzen verhallen nur langsam. Es riecht nach Regen. Die Skyline der Stadt kann ich verschwommen im Dunst der Nachtluft erkennen. Mir ist kalt und ich ziehe die Kapuze noch ein Stück enger um meinen Kopf. Ich irre durch die Straßen. Mein Kopf ist ganz schwer. Wie mit zerfaserten, von Flüssigkeit vollgesogenen Wattebauschen gefüllt.

Das Auge ist ein ganz gemeiner Verräter – oder ist es nur mein Auge? Fritz Lang hätte seine wahre Freude mit meinen Augen gehabt: gleich überdimensionalen Filmkulissen aus Pappmaché türmen sich die Gebäude links und rechts des Weges neben mir auf. Sie schauen verächtlich auf mich runter. Sind es überhaupt Gebäude? Ich sehe und kann doch nichts erkennen… 

Wo bist Du JAK??? Ich kann Dich nicht finden, Du siehst immer anders aus. Da vorne, bist Du das? Ich laufe Dir hinterher, durch die immer enger werdenden Straßen, Gassen, Gänge. Ich kann meinen eigenen, keuchenden Atmen hören – wo bist Du, JAK - 

Hilfe!

 

Ich fliehe in eine Seitengasse und die Tore, Wände, Häuser, Fassaden lösen sich auf – Einstürzende Neubauten¹? Nein, sie werden nur ganz anders. Ganz verzogen und verzerrt ist die Architektur, die Perspektiven verschieben sich – 

plötzlich Aluminiumpapierkulissen hinter Glas.

Bin ich in Metropolis² hallt es in meinem Kopf und ich sehe Joh Fredersens stolzen Blick auf seiner gigantischen Ober- und Unterstadt ruhen und zugleich denke ich an TRON³, wenn er mit Flynn durch die virtuelle Rasterstadt der Zukunft rast und zu ihm sagt: „Alles Sichtbare muss in das Reich des Unsichtbaren gehen. Du darfst passieren, mein Freund“ – was ist real und was ist nur in meinem Kopf? Sehe ich jetzt wirklich Bilder an einer Wand? Und doch sind es Fassaden, Kulissen. Wie mit Laserstrahlen umrandet erscheinen die Bauten – sind sie aus Papier oder aus Metall? Gitterartige Strukturen bilden einen Straßenzug und zeigen elegante Häuserfronten mit tiefen Fensternischen und barocken Torbögen und daneben gotische Verstrebungen. Und was ist das? „Blue Star“ kann ich einen Schriftzug über einem Portal entziffern – fast wie der Eingang zu einer coolen Bar, gleich bei mir um die Ecke. In welcher Zeit bin ich? Und wo bin ich? 

 

 

2-dimensional und doch 3-dimensional ragen die großformatigen Objekte oder Bilder entlang der Wände vor mir auf. Ich befinde mich in einer Art Zwischenraum von einer geradezu klaren Struktur der Unbestimmtheit. Ganz langsam gleitet mein Blick entlang der Linien, Kanten, Ecken. Von nahem erkenne ich den Zusammenhang nicht, kann aber die Details, die Feinheiten, die 

perfekten Oberflächen, Schnitte und Verklebungen des dünnen Metalls, das doch zugleich Papier zu sein scheint, erkennen. Es muss unglaublich lange gedauert haben, ist mein einziger Gedanke. Ich schaue weiter und entdecke noch ein Bild aus metallischem Papier auf schwarzem Grund in einem schwarzen Rahmen hinter Glas. Es erinnert mich an einen Lüster, der in einem französischen Rokokoschloss zu Hause sein könnte und dennoch in seiner Formensprache irritiert. Wie ein riesiger in sich gedrehter Diamant mit seinem facettenreichen Schliff. Oder 2 Häuser mit Diamantnetzhaut, die Kopf an Kopf aufeinandertreffen… Wo ist hier eigentlich oben und unten? 

 

Ich verliere mich, dabei bin ich doch auf der Suche nach Dir, JAK? Verlaufen habe ich mich - in einem matrixartigen Labyrinth eines gigantischen Filmstudios mit potemkinschen Fassaden.

Ich bin müde und setze mich auf den Boden, da bin ich mir wenigstens sicher, es ist der Boden. Was schleppe ich da eigentlich die ganze Zeit mit mir rum? Meine Jackentasche ist schon ganz ausgebeult. Ach, das Buch hatte ich schon ganz vergessen. Worum ging es da noch einmal? – Resonanz, ha, ich lache leise auf.

„Daher ist es keineswegs zufällig, wenn die Augen auch als ‚Seelenfenster‘ eines Menschen betrachtet werden, durch die

einerseits die Welt in die Seele hineinfällt, während sie andererseits auch die seelischen Bewegungen und Regungen spiegeln oder zum Ausdruck bringen. Die unmittelbarste physische Form des bewussten In-Beziehung-Tretens mit einem Menschen, einem Tier oder auch einer Sache, zum Beispiel einer Landschaft, besteht in der Aufnahme des Blickkontaktes beziehungsweise darin, sie in den Blick zu nehmen. Seit der Antike und bis in die Renaissance hinein wurde dabei immer wieder angenommen, dass sich zwischen den Augen des Sehenden und den Welt-Dingen, insbesondere natürlich den Augen der Mitmenschen, geheime, unsichtbare Strahlen und Verbindungen ausbilden, welche sowohl berührende oder ergreifende Resonanzwirkungen erzeugen können, indem sie etwa das Feuer der Liebe entfachen, als auch für eine Erstarrung oder 

 

 

Versteinerung in der Weltbeziehung eines Gegenübers verantwortlich sein können.“⁴ 

 

Ich habe die unsichtbaren Strahlen genau gesehen, aber ist das, was ich sehe, auch das was da ist? Sehen, ohne zu erkennen – sie sagen ich leide unter einer Seelenblindheit. Aber ich habe Augen und eine Seele.

 

Da hinten flackert doch etwas? Und Musik höre ich auch oder eher eine Stimme, die da spricht? Mal nachsehen. 

Plötzlich stehe ich auf einem Platz mit einer Leinwand – mit mehreren Leinwänden, die Leinwände sind überall, Bilder bewegen sich, eine Stimme tönt an mein Ohr. JAK da bist Du ja, aber ich kann Dich nicht erreichen – Du bist so weit weg, Du bist auf der Leinwand, Du bist im Film. Ich sehe Dich durch die Nacht laufen. Die vorbeifahrenden Autos blenden. Dadadaaddaaa – bängbängbäng – lalalalala - jedes Auto hinterlässt einen eigenen Klangteppich und die Musikfetzen verhallen nur langsam. Es riecht nach Regen. Die Skyline der Stadt kann man verschwommen im Dunst der Nachtluft erkennen. Dir ist kalt und Du ziehst Dir die Kapuze noch ein Stück enger um den Kopf und irrst durch die Straßen…

Vorbei an gesichtslosen Fassaden, Maschendrahtzäunen, Werbetafeln und beleuchteten Tempeln einer vergangenen oder neuen Religion. Dann stehst Du über den Dingen und schaust auf das Chaos und die Stille unter Dir. Bist Du der Autor Deines eigenen Drehbuchs – weißt Du, wie die Geschichte weitergeht? Bevor ich weitere Fragen stellen kann ist der Film zu Ende – 3 Minuten und Schnitt.

 

Na gut, sage ich mir und setze meine rastlose Suche nach Dir weiter fort. Ich bin eh schon ganz kopflos und lasse mich einfach treiben.

Tausend Momente und doch keine Welt. Ich schleiche zwischen den kleinen durchscheinenden und doch von Leben gefüllten Quadern umher. Da braucht man ja fast eine Lupe, um etwas zu erkennen! Ich gehe ganz nah ran und entdecke kleine Figuren, Häuser, Landschaften – wie gemalte Filmszenen aus der perfekt inszenierten Heile-Welt-Ideologie à la Truman Show⁵ oder doch die verwirrenden technischen Erfindungen eines durchstrukturierten Alltags bei Jaques Tatis‘ Mon oncle?⁶ Das bizarre Leben en miniature – festgehalten auf einem durchsichtigen Untergrund und in einem aberwitzigen Kleinformat. 3D Fotos oder Souvenirs einer vergangenen Welt? Da - ich kann einen Schriftzug entdecken – PRADA – kenn ich, 

 

dann sind wir doch im Hier und Heute. Wollen mir die einzelnen Bildnisse eigentlich etwas sagen – wenn ich sie in die richtige Reihenfolge bringe, erhalte ich dann eine Botschaft? Von weitem ist alles so schön bunt, nicht alle sind ganz durchsichtig, es gibt auch eingefärbte Steine. Mosaikartig, rastergleich, matrixmäßig: Die Bilder des in seine Naturelemente aufgelösten Naturbestands sind dem Bewusstsein zur freien Verfügung überantwortet. Ihre ursprüngliche Anordnung ist dahin, sie haften nicht mehr in einem räumlichen Zusammenhang, der sie mit einem Original verband, aus dem das Gedächtnisbild ausgesondert worden ist. Zielen aber die naturalen Überreste nicht auf das Gedächtnisbild hin, so ist ihre im Bild vermittelte Anordnung notwendig ein Provisorium – 

wer hat das noch gesagt? Weiß‘ ich nicht mehr, aber an den Titel kann ich mich noch erinnern: Das Ornament der Masse.⁷ 

 

Steine sind es vielleicht doch eher nicht - was ist das bloß für ein Material, fühlt sich an wie eine erstarrte, gallertartige Masse from outer space oder Plastik? Vielleicht sollte ich diese Momentaufnahmen unter ein Mikroskop legen. Weisen sie mir dann den Weg – damit ich hier endlich rauskomme?

 

Ich habe so Durst! Da hinten sehe ich Flaschen oder Becher oder eher Vasen? Komisch auf einem kleinen Mauervorsprung stehen verschiedene Gefäße aufgereiht, aber sie sehen irgendwie merkwürdig aus. Gar keine richtigen Gefäße, wo ist der Innenraum? Diese Vasen oder Pseudovasen sind wie ich und wissen nicht, wo ein Innen und ein Außen ist. Sind es überhaupt Vasen oder haben die Dinger gar keine Funktion? Huch, wenn ich reinschaue, kommt zugleich auch etwas raus. Lustig sehen sie aus – fast wie eine Rolle Toilettenpapier, aber aus Porzellan… Unser heimlicher Pandemie-Schatz: Klopapier. Werde ich jetzt langsam verrückt? Ich muss hier raus – es ist alles so dunkel…

Nein, es ist eher Grün – da ist ein grünes Licht und es wird immer stärker. Mein Kopf dröhnt, aber ich bleibe neugierig. JAK, ist das alles ein Spiel? Wo bist Du? Ich schleppe mich weiter und – halt, was ist das jetzt wieder? Ein grüner Torbogen, der Eingang ins Auenland vielleicht? Ich muss mich fast schütteln vor Lachen, denn es ist ein sehr niedriger Eingang, wohl eher was für Zwerge – und ich denke an den Zwerg Gimli in seinem Fatalismus: Den Tod als Gewissheit. Geringe Aussicht auf Erfolg. Worauf warten wir noch?⁸ So ein Blödsinn, 

 

als ob es hier um Leben oder Tod geht?! Aber ganz im Ernst, JAK, mir reicht es langsam – was soll dieses blöde Versteckspiel? Und was sind das jetzt schon wieder für Bauten, bin ich eine Figur in einem Film im Film? Genau wie Kunst nur l’art pour l’art ist?

… Desperatly seeking JAK …⁹

 

Der Innenraum der Seele ist gleich und geheimnisvoll, wie der äußere Weltraum; und so wie die Kosmonauten des äußeren können auch die des inneren Weltraums nicht dortbleiben, sondern müssen auf die Erde, ins Alltagsbewusstsein zurückkehren.10

 

1. Einstürzende Neubauten, 1980 gegründet deutsche Band mit abstrakten, punkigen und experimentellem Einfluss um Blixa Bargeld. 

 

2. Metropolis, 1927, Deutschland, Regie: Fritz Lang. Der Stummfilm in Schwarzweiß spielt in einer futuristischen Großstadt und thematisiert eine Zweiklassengesellschaft. Er ist ein Film des Expressionismus und gilt als erster Science-Fiction Film in Spielfilmlänge. Besonders beeindruckend sind die gigantischen, architektonischen Konstruktionen mit Hochhäusern, übereinanderliegenden Autobahnen und einer verschachtelten Ober- und Unterstadt.

 

3. TRON, 1982, USA, Regie: Steven Lisberger. Der Spielfilm gilt mit seinen knapp 20 Min. computergenerierten Sequenzen als einer der ersten Filme, die in die Geschichte des CGI (computer generated imaginary) Geschichte geschrieben haben. Der Programmierer Flynn gerät selbst in ein Computerprogramm und die Ebenen zwischen Realität und Virtualität vermischen sich.

 

4. Resonanz, Hartmut Rosa, Berlin 2016, S. 115

 

5. Truman Show, 1998, USA, Regie: Peter Weir. Hauptdarsteller Truman Burbank wurde schon als Baby von einer Filmgesellschaft adopiert. Seitdem ist sein Leben eine Fernsehshow – er wächst unter einer gigantischen Studiokuppel einer gefakten Stadt auf. Eines Tages fällt ein Scheinwerfer vom Himmel und er wird misstrauisch.

 

6. Mon Oncle, 1958, Frankreich, Regie: Jaques Tati. Tati spielt den Außenseiter Monsieur Hulot, der tollpatschig durch die Persiflage einer sterilen und automatisierten Welt stolpert. Der Film gewann 1958 den Sonderpreis in Cannes und 1959 den Oscar.

 

7. Das Ornament der Masse, Siegfried Kracauer, Frankfurt 1963, S. 38

 

8. The Lord of the Rings, 2001, USA & New Zealand, Regie: Peter Jackson. Die epische Verfilmung der Fantasy Trilogie von J.R.R.Tolkien. Es ist die Geschichte eines Rings, mit seiner Vernichtung geht auch die böse Macht des Herrschers Sauron unter. 4 kleine Hobbits müssen wahrlich unmenschliche Abenteuer erleben, um Tolkiens Fantasiewelt zu retten. Insgesamt gewann der Film 17 Oscars.

 

9. Desperatly seeking JAK aka Susan, 1985, USA, Regie: Susan Seidelmann. Susan verzweifelt gesucht – diese Kontaktanzeige verändert das Leben der gelangweilten Hausfrau Roberta. Sie jagt Susan (Madonna) hinterher und mit dem Kauf ihrer Jacke beginnt eine rasante Verwechslungskomödie. Der Film wurde für den Golden Globe und den César nominiert.

 

10. Albert Hofmann, Schweizer Chemiker und Entdecker von LSD.